Anja: von angeleinten und unangeleinten Hunden

Ich habe heute Morgen einen Artikel gelesen, in dem es um die Bitte geht, seinen Hund doch nicht zu anderen hinrennen zu lassen und ihn anzuleinen, wenn ein angeleinter Hund kommt.

Es war ein kurzer Artikel, dem ich auch zustimmen konnte. Es war aber auch ein Artikel, der sehr oft geteilt und heiß diskutiert wurde, und unter dem viele Hundehalter geschrieben haben, dass sie es eben nicht machen müssten, weil ihr Hund ja noch richtig kommuniziert und anderen sowieso aus dem Weg geht.
Es wurden Beispiele aus anderen Ländern gebracht, wo Hunde eher auf der Straße leben und die Besitzer aber selten eine Leine nutzen, dies aber wunderbar funktioniert. Sowie auch hier in Deutschland vor einigen Jahrzehnten. Da gab es nicht so viel Stress; da liefen auch alle Hunde mehr frei herum. Auch diesen Beispielen und den Erklärungen dieser Hundehalter konnte ich zustimmen. Also wie jetzt nun? Alle Hunde anleinen oder das genaue Gegenteil?

 

Marek, Anja Meier 2018

Wer oder was ist, vor allem in Großstädten, also Schuld an der aktuellen Misere? Sollten wir die Hunde mehr machen lassen, damit sie richtig kommunizieren lernen? Oder sollten wir mehr Kontrolle ausüben, also sie generell mehr an der Leine führen, damit sie sich eben nicht mit jedem Hund auseinandersetzen müssen?
Ich persönlich weiß nicht, wie die Hundehaltung vor 20 oder 40 Jahren in Deutschland aussah. Da war ich noch nicht geboren, bzw. noch zu jung für solch eine Thematik. Ich weiß aber, dass das Beispiel mit den Städten im Ausland, wo die meisten Hunde frei laufen und sich aus dem Weg gehen, gut kommunizieren und es kaum zu Konflikten kommt, durchaus wahr ist!
Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass es durchaus in kleineren Städten funktioniert. Wenn ein anderer Hund vorbeikommt, wird angeleint und man läuft mit seinem Hund ohne Kontakt vorbei. Ist Kontakt erwünscht, dann wird nachgefragt und halt wieder abgeleint. Das funktioniert auch hier gut, und alle Hunde sind damit entspannt. Es scheint also nicht an der Leine zu liegen.
Warum ist es also momentan, so wie es ist?

Nehmen wir an, wir haben an einem Ort 100 Hunde. Davon sind 10 etwas verquer, haben Schmerzen, Ängste oder sind einfach noch ungeschickt. Dann werden diese 10 durch die Masse sozusagen aufgefangen. Die anderen 90 Hunde werden nicht die schlechten Verhaltensweisen der 10 übernehmen. Die 10 Hunde werden eher nach und nach von den 90 lernen.

Marek und Lotte, Anja Meier 2018

Übertragen wir dieses Modell auf eine durchschnittliche Großstadt.
Wie sieht es im Moment in vielen Städten aus? Da sind die Hunde vom Züchter, hoffentlich gut sozialisiert, aber inzwischen mitunter mit körperlichen Einschränkungen, weil Hundezucht heute immer mehr nach Aussehen geht und nicht nach Gesundheit. Dazu kommen dann noch die Rassen und ihre Mixe, die zwar gesund sind, aber durch ihr Aussehen Kommunikationsschwierigkeiten mitbringen durch z.B. zu viel Fell, oder zu imponierender Körperhaltung ect.
Das allein könnte „die Masse“ noch kompensieren. Dann kommen Hunde aus dem illegalen Welpenhandel, der inzwischen in vielen Fällen der Mafia angegliedert ist und wo es definitiv nur ums Geld geht. Dies sind Hunde, die schon aus früher Welpenzeit Probleme mitbringen bezüglich ihrer Gesundheit, Kommunikationsfähigkeit und der reinen Alltagsbewältigung.
Für das Gedankenspiel sind wir jetzt bei 25 von 100 Hunden.
Dazu kommen die Hunde aus dem nationalen und internationalen Tierschutz. Einige sind in puncto Hundekommunikation extrem fit, andere in diesem Bereich eher traumatisiert, von Ängsten und Problemen in anderen Bereichen gar nicht zu sprechen.
Ich sage jetzt nicht, dass jeder Tierschutzhund Probleme hat, absolut nicht!
Aber es sind auch nicht gerade wenige, die mit dem Leben in der Stadt einfach überfordert sind und ihre Rettung vielleicht nicht unbedingt als Rettung empfinden. Darum soll es hier jetzt aber nicht gehen. Wir halten nun zwischenzeitlich fest: Inzwischen sind wir bei 45 von 100 Hunden angelangt.
Jetzt kommen noch all die Hunde dazu, die an sich aus guter Kinderstube kommen, ganz normal gehalten werden und nur an einem Problem leiden: Überforderung.
Nichts gegen Hundesport, nichts gegen Tobestunden und dem gemeinsamen erleben mit Hund. Aber unsere Gesellschaft und auch unsere Hunde haben kein Unterforderungsproblem, sondern ganz klar ein Überforderungsproblem.
Das zeigt zumindest der Hundetraineralltag.
Zu viel, zu lang, zu wenig Schlaf ist für Hunde ein erstes Problem.
Dem sowieso schon als hyperaktiv empfundenem Hund wird noch 20 mal der Ball geworfen, damit er auch schön KO ist und endlich schläft. Wir haben sehr viele Hunde, die an sich nett sind, aber genau sowenig wie ein netter Mensch der überarbeitet und müde ist, noch gut und nett kommunizieren kann, kann es ein übermüdeter Hund.

Und das sind wirklich viele, womit ich letztlich auf etwa 60 von 100 Hunden komme, die ihr eigenes Päckchen zu tragen haben und keine guten Lehrmeister abgeben.
60 von 100.

Sie können nicht mehr durch die Masse aufgefangen werden.
Und wenn das dann noch auf eine hohe Hundedichte trifft, wie es in Großstädten anzutreffen ist, dann ist es nur ein kleines Zahlenspiel wie oft ein „ich weiß nicht wie“ auf „ich weiß nicht wie“ trifft und lernt… irgendwas, aber selten was Gutes.
Schmeißen wir in die Konstellation dann noch einen Welpen rein, der gerade in die Nachbarschaft gezogen ist, wird dieser nicht mehr von souveränen Althunden lernen, sondern von Neurotikern, Speedjunkies und Überängstlichen.
Eine neue Generation die nicht mehr klar kommt wenn sie es selbst klären muss, wird erzogen.
Und das ohne das es erst mal auffällt, denn es bleiben ja meistens alle heil und irgendwie ist alles spielen was so ein junger Hund tut… im Auge vieler Besitzer.

In dieser wilden Mischung trifft dann angeleint und unangeleint aufeinander.
In jeder Kombination geht das gut, wenn kompetent auf kompetent trifft, oder unangeleint kompetent auf einen Hund, der noch lernt, dem aber geholfen wird.
Doch es treffen auch viele Unangeleinte und vielleicht nette, aber sicher nicht höflich und auch nicht kommunikativ Kompetente, auf angeleinte Hunde, die selbst noch ihren Platz im Leben und ihre Sprache finden müssen.
Diese Begegnungen sind es, die sich oft tief im Hirn des angeleinten Hundes verankern.
Dieser Hund beginnt dann zu lernen, dass ein unangeleinter Hund bedeutet: Ich bekomme Stress! Tritt diese Situation ein paar mal hintereinander auf, dann entsteht eine Verknüpfung.
Dann beginnt das vorsorgliche „Ich halt ihn mir besser vom Hals“!
Und wenn wir da angelangt sind, ist es erst mal nicht mehr so wichtig, wie das Verhalten des anderen Hundes ohne Leine ist. Selbst wenn dieser Hund anderen Hunden aus dem Weg geht, gut kommuniziert und nie Ärger verursacht, dem Besitzer nach also berechtigterweise frei laufen darf, ist er das Feindbild und wird angebellt.
Es entsteht dann oft der Eindruck, dass das angeleint sein Schuld daran ist, und nicht der freilaufende Hund.
Dieser freilaufende Hund ist auch nicht Schuld, aber auch nicht die Leine am anderen!
Dort trifft zusammen, was allein für sich gut funktioniert hätte, aber durch all die Faktoren weiter oben genannt, jetzt nicht mehr funktioniert.
Situationen passieren nie auf leerem Blatt, sondern auf ganzen Büchern aus Lernerfahrungen.

Marek und Tien Tien, Anja Meier 2018

Genau deshalb gibt es keine Pauschalaussagen. Gerade deswegen ist es für alle so schwer. Natürlich haben die Halter souveräner, abrufbarer Hunde das Recht, ihre Hunde frei laufen zu lassen. Sie leiden genauso unter den Vertretern der „Tut Nixe“, wie die angeleinten, eben nur dahin gehend, dass sie in den Augen vieler Hunde und deren Halter unverschuldet zu genau solchen werden.

Wenn ein Hund sich in Rage bellt, dann denkt er nicht mehr und kann auch nicht mehr wirklich lernen, selbst wenn der andere Hund, euer Hund, dann alles richtig macht und den bellenden links liegen lässt und deeskaliert. Es wird wohl nicht mehr als positive Lernerfahrung ankommen. Es ist lediglich eine weitere Bestätigung für „unangeleinte Hunde machen mir Stress“.
Einige Halter arbeiten daran, ihren Hunden das richtige Kommunizieren wieder bei zu bringen, andere nicht. Einige machen es gut, andere nicht. Es wird in einer so hohen Hundedichte, wie in Großstädten wohl nicht der Punkt kommen, an dem wieder alle wissen was sie tun. Daher bleibt eigentlich nur der Appell: „Nehmt es nicht persönlich“! Ihr habt recht, aber die anderen auch. Machen wir es doch allen so stressfrei wie möglich, ohne uns auf den Schlips getreten zu fühlen oder andere belehren zu wollen.

Deswegen meine Bitte an euch: Die Halter von diesen Hunden, die noch wissen wie es geht, die souverän und höflich sind, nehmt es nicht persönlich! Es ist kein Angriff auf euch und euren Hund , wenn ihr gebeten werdet, euren Hund anzuleinen. Es ist Angst, und deshalb vielleicht auch nicht immer höflich formuliert. Es ist die Angst der Menschen und der Hunde, die nicht mehr wissen, oder noch nicht wissen, zu unterscheiden.

Marek, Anja Meier 2018