Anja: „Hunde und Menschen kann man doch nicht vergleichen!“

„Hunde und Menschen kann man doch nicht vergleichen!“

Diesen sehr schönen Satz bekomme ich oft zu lesen, wenn ich mal wieder, böse wie ich bin, ein Menschenbeispiel gebracht habe, um ein Hundeverhalten zu erklären.
Deshalb möchte ich das heute in einem Artikel verarbeiten, dann brauche ich ab jetzt nur noch verlinken 😉

Wenn ein Hund, der z.B. leinenaggressiv ist, sich aufregt oder kurz davor ist und dann der Besitzer ein Leckerchen nimmt, dem Hund vor die Nase hält und es passiert… nichts! Der Hund geht in die Leine und knurrt und bellt wie immer, dann kommt oft „Leckerchen funktionieren bei dem nicht“ – und dann kommt von mir ein Menschenbeispiel:
Stell dir vor, du bist in einem Bewerbungsgespräch dein absoluter Traumjob. Aber die Personaler sind echt miese Gesellen, stellen völlig seltsame und gemeine Fragen, starren einen die ganze Zeit an oder tuscheln leise miteinander, kichern… und dann kommt einer und bietet dir ein Stück Schokolade an.
Ich bin der Typ Mensch, der dann nicht mehr essen könnte, mir würde eher schlecht werden in dem Moment, beim Gedanken an Essen. Klar gibt es auch andere Menschen, die sich sehr freuen würden, für die das sogar eine Erleichterung wäre. Heißt das, mir kann man mit Schokolade keine Freude machen? Ganz und gar nicht! Ich liebe Schokolade! Aber der Stress des Moments lässt meinen Körper in den Überlebenskampfmodus gehen. Da wäre die Energie, die der Magen fürs verdauen verbrauchen würde, vielleicht genau die, die mein Überleben gesichert hätte. Daher sagt der Körper ganz klar „Nein“ zum Essen.
Wenn mir aber am Anfang des Gesprächs, wo ich noch guter Dinge war, die Situation noch im Griff hatte, jemand Schokolade angeboten hätte, dann hätte ich sie genommen und wäre damit vielleicht sogar positiv gestimmter gewesen, hätte die Situation vielleicht anders bewertet. Klar, wenn die Personaler einen reinreiten wollen, dann hilft das auch nichts mehr. Aber mir geht es auch eher darum, dass mir nur mit ein paar Minuten Unterschied die Schokolade geholfen hätte. Und genauso ist das bei Hunden. Hätte man den Hund früher für richtiges Verhalten mit dem Leckerchen belohnt, dann hätte er es auch nehmen können und etwas dabei lernen.

Ich finde es einleuchtend. Dennoch kommt auf so eine Argumentation dann oft nur noch ein „Aber du kannst einen Hund doch nicht mit einem Menschen vergleichen!“

Kann ich nicht? Warum nicht?

Menschen sind Säugetiere, Hunde sind Säugetiere, genau wie Mäuse, Katzen und Ameinesbären 😉 Und unser aller Säugetiergehirn beruht auf der gleichen Basis.

Ich will hier absichtlich nicht mit Fachbegriffen hantieren, sondern versuche das zwar korrekt, aber grob umrissen zu beschreiben.
Bei Freude, Schmerz, Lust oder Stress werden die gleichen Bereiche im Gehirn angesprochen egal ob wir uns ein Mäusehirn oder ein Menschenhirn ansehen. Und das Gehirn entsendet die gleichen Botschaften an den Körper, den gleichen Stoff zu produzieren, der sich im Körper verteilt und dafür sorgt, dass Maus, Katze, Hund, Mensch eine Situation überleben. Nicht immer geht es um Leben und Tod – klar, weder bei uns noch bei den Hunden 🙂 .

Bei Angst verhält es sich genauso, sowie bei schönen Dingen wie angenehme Berührungen. Unsere Säugetiergehirne regieren gleich, mit dem selben Zweck.

Deshalb doch: Man kann in Situationen, wo es um Reaktionen durch Stress, Angst oder andere Gefühle geht, den Hund mit dem Menschen vergleichen.

Natürlich bringt unser Gehirn einige Extras mit, die Evolution hat dem Pavian einen besonders beeindruckenden Hintern beschert und uns ein besonderes Gehirn. Wir können sehr weit im vorraus planen, sozusagen um die Ecke denken, um mehr Ecken als es anderen Tieren möglich ist. Und wir können Vergangenheit verknüpfen, das hat auch viel mit unserer Fähigkeit zur Sprache zu tun. Wenn mir jemand sagt, das er sich in einer Situation vor 3 Wochen unwohl gefühlt hat mit dem, was ich gesagt oder getan habe, dann denke ich an diese Situation zurück und kann verknüpfen: „Ah Ok, das was ich da getan habe, war unangenehm für jemanden“. Je nach Charakter kann ich mein Verhalten in der gleichen Situation also anpassen, oder es lassen ;-).
Das können Hunde und andere Tiere nicht! Weil Sprache keine so gezielte Erinnerung formen kann, um aktuelle Gefühle damit zu verknüpfen. Das heißt, wenn mein Hund etwas tut, was ich nicht will z.B. ein Kind anbellen und ich ihn dann rufe, um dann zu schimpfen „Du sollst doch keine Kinder anbellen, das macht man nicht!“ dann führen meine Worte nicht dazu, dass sich der Hund die Kindsituation wieder vorstellen kann, um unseren Unmut damit in Verbindung zu bringen. Der Hund verbindet unseren Unmut mit der gerade passierenden Situation – dem zum Menschen kommen oder vor dem Menschen stehen.
Solche Situationen sind es, wo der Satz „Du kannst doch den Hund nicht wie einen Menschen behandeln“ angebracht sind, hier fällt dieser Satz nur irgendwie sehr selten… .

Gerne hat der zuerst genannte Satz auch noch einen Nebensatz, z.B. „Hunde und Menschen kann man doch nicht vergleichen, Hunde sind Rudeltiere!“ .

Meist soll dieser Satz suggerieren, dass der Hund ja unter dem Rudelführer Mensch steht und dadurch solche Sachen wie andere Hunde an der Leine verbellen nicht tun dürfte, weil der Rudelführer hat es ja nicht erlaubt. Nun wird hier wieder ganz schön vermenschlicht, denn überlegen wir mal, in welcher Gesellschaftsform, bei egal welcher Spezies, darf ein Individuum nur noch tun was ein anderes sagt, muss seine eigenen Gefühle wie Angst unterdrücken, weil ein Zeigen der Gefühle einer Erlaubnis bedarf… mir fällt da nur die Sklaverei ein und das ist doch etwas sehr Menschliches. Keine andere Säugetierspezies als der Mensch kommt auf so einen Gesellschaftsgedanken.

Und „Nein“, auch im Wolfsrudel läuft es nicht so. Da das hier jetzt den Rahmen sprengen würde zwei Links, für die, die es genau wissen wollen:
https://chwolf.org/assets/documents/woelfe-kennenlernen/Int-Publikationen/Begriff-Alpha_DMech-2008_de.pdf

http://dogs-magazin.de/erziehung/informieren/das-verhalten-von-wolf-und-hund-gleichzusetzen-ist-unsinnig/

Wir halten also fest: Aus einer Situation heraus zu reagieren wegen dem, was einem der eigene Körper, die eigenen Erfahrungen und Gefühle vorgeben, hat nichts damit zu tun, wie man zu einer Bezugsperson steht. Ja, eine vertraute Person kann Sicherheit geben. Aber einem Wesen seine Gefühle zu verbieten, hat nichts mit Sicherheit geben zu tun. Auf den Hund bezogen:
Wenn ein Hund sich mit lautem Gebell einen anderen vom Hals hält, hat das meist etwas damit zu tun, dass er nicht anderes reagieren kann. Seine Gefühle (Frust, Angst, Zorn oder, oder … oder) und seine Lernerfahrungen geben das Verhalten vor. Verbietet der Mensch das mit einer Androhung von negativen Konsequenzen, wie einem Leinenruck, angeschrien werden oder einer Portion Wasser ins Gesicht, hat das nichts mit Sicherheit geben zu tun, nur etwas mit dem Unterdrücken der Gefühle eines einem anvertrauten Lebewesen.

Mein Fazit für die „Das kannst du nicht vergleichen“ – Diskussionen: Natürlich kann man nicht immer vergleichen, doch meist wird genau dann geschrien, wenn man es eben doch kann und mit einer Selbstverständlichkeit wir verglichen, wenn es eben keinen Sinn macht.

Der Text darf gern kopiert (mit Link) oder direkt verlinkt werden, wenn ihr mal wieder in die Verlegenheit geratet, mit diesem herrlichen „Argument“ konfrontiert zu werden 🙂 .

7. Mär 2017
Anja Meier